„Ey, weg da! Das ist mein Platz!“ Die ätzende Fahne aus Sprit und Fäulnis reißt mir die Augen auf und bringt sie gleichzeitig zum Tränen. Nur noch vier Zähne in der Kauleiste, alle schwarz, und der Bart so schmierig, dass ich Angst hab, er fängt gleich zu triefen an. Ich bin immer noch völlig benebelt. Was zum Teufel will der von mir? „Steh auf!“ Der Penner versucht, mich an den Füßen von seinem Pappkarton zu ziehen. In meinem Schädel hämmert es, als würde jemand mit meinem Hirn Flipper spielen. Er lässt meine Beine genau in eine Pfütze fallen. In hundert Metern Entfernung leuchtet eine mickrige Straßenlaterne die versiffte Gasse aus, überall Dreck, Abfall und Graffiti an den Häuserwänden. Ich versuche mich abzustützen, will aufzustehen. „Aaaaaaaaaah!!!“, bricht es aus mir heraus. Mein Unterarm schmerzt wie verrückt. Und ich weiß sofort wieder, warum.

„Wenn du dich hier nochmal blicken lässt, kommst du nicht so glimpflich davon!“ Mit der Lässigkeit eines Gewichthebers hatte mich der tätowierte Hulk-Hogan-Verschnitt am Kragen gepackt und über die Schwelle der verrosteten Hintertür geschleudert. Wenn das glimpflich war, will ich der Meute wirklich kein zweites Mal begegnen. „Los und jetzt verpiss dich, du Wichser!“ Der harte Asphalt gab mir den Rest, nach der Begegnung war ich nicht mal mehr in der Lage, den Sturz abzufangen. Überall Müll, Blut und dein Gesicht vor meinem inneren Auge.

Ich schleppe mich aus der Pfütze in Richtung der kläglichen Funzel an der Hauptstraße. Der Penner wirft mir noch irgendwas hinterher. Es ist mir egal. Ich will bloß weg. Irgendwo hin. Nur nicht nach Hause. Nur nicht in diese vier Wände, wo mich jedes Detail an dich erinnert. Ich sehe alles verschwommen, kann mich kaum auf den Beinen halten. Mein Gesicht brennt immer noch wie Feuer, das ganze T-Shirt ist rot und trieft. Fuck, das ist verdammt viel Blut!

„Für wen hältst du dich, Mann? Ich zieh dir gleich das Gesicht ab, wenn du nicht die Fresse hältst.“ Ich grinste nur völlig übertrieben. Scheiße, warum hatte ich bloß so dämlich gegrinst? Dem Macker waren beinahe seine Piercings aus der Visage gefallen. Ich hatte offensichtlich jeglichen Sinn für brenzlige Situationen ertränkt und während ich dastand wie ein Vollidiot, merkte ich gar nicht, wie sich um mich herum eine Phalanx aus Testosteron und Amphetaminen formierte. Ich hätte es vermutlich merken können, weil keiner von den Bodybuildern unter zwei Metern maß und ihre vor Eloquenz strotzende Kompanie den ganzen Raum verdunkelte. Aber ich merkte nicht mehr sonderlich viel. „Du kannst es ja gerne versuchen“, lallte ich, „aber dabei wird es dann auch bleiben.“ Fuck. Ehrlich, für wen hältst du dich? Ich hatte es kaum ausgesprochen, da flog mir schon die erste Faust zwischen die Augen. Zwei Typen hielten mich von hinten fest und das Blechgesicht drosch auf mich ein, als gäbe es kein morgen mehr. Mann, der muss mal Profiboxer gewesen sein, so zielsicher wie der mir den Kiefer zertrümmert hat. Der zehnte oder was weiß ich wievielte Punch knipste mir die Lichter aus, ein Knockout vom allerfeinsten. Als ich wieder zu mir kam, schälte Hulk Hogan gerade meinen deformierten Schädel von dem klebrigen Linoleumboden. Mann, war ich froh, dass ich nicht selber aufstehen musste.

Ich taumle an den leeren Taxistand und kotze unvermittelt auf die Straße. Literweise Bier schießt aus mir heraus, viel mehr hatte ich nicht zu mir genommen. Nach deiner Beichte war mir jeder Appetit vergangen, ich fing einfach bloß an zu saufen. Ich winke dem erstbesten Taxi zu. Es hält nicht an. Ich wüsste nicht mal, wo es mich hinbringen sollte.

„Na was glaubst du wohl, ich hab’s ihr ordentlich besorgt!“ Die anderen Muskelpakete nickten anerkennend ob der philosophischen Worte. Ich fing plötzlich an, mich kaputt zu lachen. Ich brüllte los wie ein Bekloppter, einfach so. „Scheiße, was gibt’s da zu lachen, Arschgesicht?“ Ich hatte echt keine Antwort auf die Frage, ich wusste es selbst nicht! Wahrscheinlich kotzte mich die Tatsache, dass selbst diese abgefuckten Gestalten irgendwie ’ne treue Frau an ihrer Seite hatten, dermaßen an, dass ich jeden Glauben an Gerechtigkeit verlor. Ich lag fast am Boden vor Lachen. Aber die Typen waren mir völlig egal. Den Gedanken an dich versuchte ich mir vom Leib zu schaffen, wollte ihn um jeden Preis loswerden. Eine schäbige Eckkneipe und verflucht viel Alkohol. Was braucht es denn noch, um dich zu hassen? Ich lachte und brüllte mir den Gedanken an dich von der Seele, ich gab mein Bestes. Aber es half nicht. Der Schmerz war nach wie vor real. „Hey, Arschloch, ich hab dich was gefragt!“